Colombine
Kurzfilm
Casting:
Alte Frau, Junger Student, Beobachterin, Redakteurin, Bedienung, Die ”Zappelige”, Älterer Herr, Junges Paar, Großeltern, Eltern und Enkelin, Zweite Bedienung, Passanten etc.
Motiv:
Cafe Frischhuth (Schmalznudel) am Viktualienmarkt
Musik:
Upside down (Diana Ross)
1. München. Außen/Tag
Ein Schwenk über die Stadt endet auf dem Viktualienmarkt: Blick vom “Alten Peter” auf die sich fächerartig ausbreitenden Marktstände und das Straßengewirr. Kirchenglocken und Vogel-gezwitscher mischen sich mit Alltagsgeräuschen. Morgenstimmung. Eine Taube läßt sich im freien Flug fallen und schwebt über die Dächer.
2. Straßencafe. Außen/Tag
Menschen strömen vorbei. Im “Cafe Schmalznudel” setze ich mich draußen hin und bestelle, natürlich, Schmalznudel und Kaffee. Nach mehreren Schlechtwettertagen scheint endlich die Sonne, so daß es sich gut im Freien frühstücken läßt.
3. Am Nebentisch. Außen/Tag
Dort sitzt ein seltsammes Paar: ER - ein junger Mann in Jeanskleidung mit langem blondem Haar, und übers Eck bei ihm SIE - eine sehr alte Frau mit rundlich molligem Gesicht. Sie beißen in ihre Schmalznudeln, schlürfen dazu ihren Kaffee in kleinen Schlucken, und zwischendurch reden sie miteinander. Ziemlich laut. Wahrscheinlich hört die Alte nicht mehr so gut.
Ob ich will oder nicht- ich muß beiden zuhören.
“Soso...”, sagt der junge Mann, “...in Schongau...”
Musik: Fade out / “...inside out - round and round...”
Sie:
“ Ja, freilich... in Schongau.”
Er:
“Da sind Sie also geboren.”
Sie:
“Ja, freilich. Kennen Sie Schongau?“
Er:
“Ja...Nein... kennen nicht direkt. Aber durchgefahren bin ich da
schon öfter. Öfter sogar.”
Sie:
“Ja... und Sie? Wo sind Sie geboren?”
Er:
“Ich? In München wie gesagt.”
Sie:
“Ach so, ja stimmt. Sie sind die Einzige... oder?”
Er:
“Ja, wie meinen Sie jetzt das?”
Sie:
“Ob Sie vielleicht noch eine Schwester haben, mein ich?”
Er:
„Nein, ich hab keine Schwester. Und einen Bruder auch nicht.”
Sie:
“Gar keine Geschwister also. - Dann sind Sie allein.”
Er:
“Ja. Aber das ist ganz schön. Manchmal.”
Sie:
“Jaja... aber nur manchmal... gell? A beste Freundin ham S´ aber
schon?”
Er:
“Im Moment g´rad nicht. Möchten S´ vielleicht noch einen Kaffee?”
Sie:
“Nei... oder... nein, ich hab noch was drin.”
4. Erster Tisch. Außen/Tag
Die Bedienung kommt mit einer Tasse Kaffee, stellt sie vor mich hin.
Bedienung:
“Die Auszognen werden g´rad frisch gebacken. Wollen S´ den
Kaffee schon vorher?”
Sagt´s - und ist verschwunden, bevor ich noch den Mund aufmache. Ich warte also auf meine Schmalznudel.
5. Entfernter Tisch. Außen/Tag
Ein paar Tische weiter, in der Gegenrichtung zu dem seltsamen Paar, sitz eine elegante Dame unbestimmten Alters. Perfekt gestylt und getönt von den silber grauen Haarsträhnen bis zu den silbergrauen Schleifchen am Schuh. Hingebungsvoll beugt sie sich über eine umfangreiche Ausgabe der französichen ELLE. Die Bedienung taucht auf, stellt eine Tasse Kaffee und irgend ein kleines Gebäck vor sie hin. Hat die Gestylte es überhaupt bemerkt? Die silbergrauen Strähnen bleiben unbewegt.
6. Erster Tisch. Außen/Tag
Ich warte weiter auf meine Schmalznudel und trinke den ersten Schluck von meinem Kaffee, bevor er kalt wird. Auf dem Rückweg wird die Bedienung von einer jungen, etwas zappelligen Person gefragt, ob vielleicht die Striezerln schon fertig sind.
7. Am Nebentisch. Außen/Tag
Das seltsame jung-alte Paar läßt sich Zeit. Genüßlich kauen sie ihre kleien Bissen, nippen an ihren Tassen und reden. Die Wörter tröpfeln wie aus einem undichten Wasserhahn.
Sie:
“So ein Glück... daß ich heut so einen netten Menschen ´troffen
hab...”
Er:
“ Jaja... Glück hamma heut´... und was für ein schönes Wetter.”
8. Dritter Nebentisch. Außen/Tag
Die Bedienung bringt der “Zappeligen” ihr Striezerl, ein längliches, welliges Gebäck.
9. Zweiter Nebentisch. Außen/Tag
Die silbergrau Gesträhnte beugt sich nach wie vor über ihre ELLE; Kaffee und Kuchen bleiben unberührt.
10. Erster Tisch. Außen/Tag
Und ich warte noch immer auf meine Schmalznudel.
11. Am Nebentisch. Außen/Tag
Er:
“Wenn S´ die ihrige nicht zwingen, laß´n ma´s halt einpackerln.”
Der junge Langhaarige spielt deutlich den Schelm. Die Alte hat nämlich noch die Hälfte ihrer Schmalznudel, fein säuberlich in der Mitte abgetrennt, vor sich auf dem Teller.
Sie:
“ Jetzt ham S´mich aber schon ganz genau erkannt... als Vielfraß
nämlich.”
Beide lachen, weil sie sich freuen, und sie freuen sich, weil sie lachen. Wegen nix und wieder nix.
Er:
“Ein richtig schön´s Lüfterl geht heut.”
Sie:
“Woher ham S´g´sagt, daß Sie kommen?”
Er:
“ Ja mei... aus München...”
Sie:
“Aha... stimmt ja... aus München. Und da gehn S´ auch in d´ Schul´ ?”
Er:
“Nana... Abitur hab ich schon g´macht.”
Sie:
“Und was studiern S´dann jetzt? Was Besonderes?”
Er:
“Na... Betriebswirtschaft halt.”
Sie:
“Soso... in München... so ein Glück...”
Er:
“Was machen S´denn heut´ noch alles? Gehn S´am Nachmittag spazieren?”
Sie:
“Des werd ich fei so schnell net vergessen, was ich heut Schönes
erlebt hab...”
Er:
“Ich auch nicht.”
Sie:
“ ...daß ich so a nette Münchnerin kennen g´lernt hab...”
12. Erster Tisch. Außen/Tag
In dem Augenblick kommt ein älterer Herr an meinen Tisch und verstellt mir die Sicht. Die Bedienung ist schon da - ohne meine Schmalznudel - der Herr bestellt Kaffee.
Bedienung:
“Eine Tasse oder ein Haferl Kaffee?”
Der ältere Herr:
“Das ist mir egal.”
Bedienung:
“Mir auch.”
Dann wischt sie wieder davon.
13. Am Nebentisch. Außen/Tag
Der junge Mann am Nebentisch möchte bezahlen.
Er:
“Wenn ich jetzt geh, komm ich g´rad recht zum Mittagessen.”
Das alte Weiberl kichert.
Sie:
“Wieviel Geschwister, ham S´g´sagt, daß Sie haben?”
Er:
“Gar keine. Ich bin allein.”
Sie:
“Das ist schön... da ist man für seine Eltern ganz was Besonderes... die Einzige halt.”
Er:
“Wieso? Ich weiß nicht.”
Sie:
“Ich schon. Ich hab sechs Geschwister g´habt. Drei ham Schreiner
gelernt.”
Er:
“Soso. Also dann...”
Sie:
“Woher kommen Sie?”
Er:
“Aus München.”
Sie:
“Ich bin aus Schongau.”
Meine Tasse ist leer.
Jetzt kommt die Bedienung, bringt mir meine Schmalznudel und für den älteren Herrn den Kaffee, eine Tasse. Die Elegante, silbergrau Gesträhnte beugt sich noch immer über ihr Modeblatt. Die Zappelige ist ver-schwunden. Mein seltsames Paar auch. Ich bestelle nochmal Kaffee. Ein Haferl zu meiner frischen Schmalznudel. Der ältere Herr sagt, daß er jetzt doch lieber ein Haferl gehabt hätte.
Im Nachspann endet der Film
mit einem Kaleidoskop von Bildern,
das die Darsteller mit dem Kamerateam
beim Arbeitsabbau vor Ort zeigt.
ENDE
nach oben zum Seitenanfang