M   O   N   I   C   A        F   R   I   T   Z           ·            M    i    n    u    t    e    n    l    i    c    h    t

MINUTENLICHT
Inhaltsverzeichnis

01 Colombine (Kurzfilm)
02 Maronenpfanne
03 Terrassentheater
04 Die Hunde von Pompeji
05 Fit-Ness
06 Die Autobahn der Pakete
07 Kitz-Gefühl
08 Musenpaare
09 Cinema dans la rue
10 Die Magersucht des Sprechens
11 Krabbeldecken muß man fliehen
12 Sixty
13 Ab jetzt werden Sie immer dicker
14 Acqua Santa



Biographie
Impressum





Copyright © by Monica Fritz

Krabbeldecken muß man fliehen !
Mania Pulizia

München Haidhausen! Zwei Mädchen auf dem Weg nach Hause ins Gespräch verwickelt... „Kuscheltiere haben halt Gefühle, ...“ meint die eine. Sie laufen die Sedanstraße entlang, vorbei an einem neuen Geschäft mit ganz süßen Babysachen. Kinder bringen Glück auf mannigfache Weise, steht im Zigeunertraumbuch.

Am Eingang zum Laden stehen Strohbesen, Basttaschen und ein Korb mit zerfledderten Spielsachen. Ein Harlekin hat ein Loch im Rautenhemd. Der Email-Deckel einer Teekanne ist angeschlagen. Bade-Flip-Flops in Restgrößen liegen in einem anderen Korb. Weiter hat man alte Leiter- und Puppenwagen und ein Puppenbett vor den Fenstern platziert.

Eines der Mädchen möchte den alten Kasper kaufen. Der Laden, der vollgestopft mit alten und neuen Raritäten ist, sieht aus, wie von einer Mutter, die im Nebenberuf Sammlerin und Museumskuratorin für Sonderausstellungen „Nostalgie im Kinderzimmer“ ist.

Kleine Schühchen sind in einem antiken Holzstuhl drapiert, Patchworkdecken akurat aufgerollt und zusammen mit Matratzenkissen in Rosen- und Streifenmustern in ein altes französisches Eisenbett gelegt. Von einer Konsole baumeln Geschirrtücher in den gleichen Stoffmustern. Oben stehen marokkanische, aus buntem Glas recycelte Leuchter. An der Ecke ist ein kleines Bücherregal mit ausgewählter Kinderbuchliteratur und
CD´s. Über einem Alkoven thronen Schaukelpferde und andere Marionettenfiguren.

Bein Hineingehen fliegt ein Fussel über den häßlichen Fußabtreter am Eingang. Er wird den Abend vermutlich nicht überleben, weil ein wiedergeborener Putzteufel, der hier irgendwo herumgeistert, ihn beseitigen wird.

Das Mädchen steht jetzt vor dem Glaskarussel an der nostalgischen Ladenkasse und ist etwas verwirrt und abgelenkt durch die vielen neuen und alten Spiele, die hier in die Behälter gefüllt und daneben auf einer Stehkommode aufgebaut sind. Ihre Neugierde bewirkt, daß sie auch noch in die hinterste kleine Kammer vor einen Spiegel tritt.

Jetzt hört sie, wie vorne eine Kundin erzählt, daß sie diese Oblaten von ihrer Oma kennt: „Es war ein Spiel, das ging so – Finger befeuchten, auf eines der ausgebreiteten bunten Glanzbilder drücken und was kleben blieb, gehörte einem“. Sie betrachtete sich im Spiegel und die pastellfarbene Nachtwäsche dahinter auf einem Kleiderständer. Ist das alles wahr oder ein Traum?

Baldachine bestickt und aus Tüll schweben von der Decke. Inzwischen hat sie ganz vergessen, was sie eigentlich wollte und geht wieder nach vorne. Durch einen Luftzug fliegt der Fussel in eine der Holzwiegen, wo er seine Freundin aus der „Straßengang“ trifft. Sie verstecken sich hinter den jahreszeitlichen Grußkarten und unter den genähten Hasen und Bären. Zwei Kußpuppen „Romeo & Julia“, mit Magneten versehen, linsen zu ihnen herüber.

Die Freundin des Fussels erzählt, daß sie den Tag zuvor hier hereingeflogen sei, sich versteckt und beobachtet habe, daß hier jede Ecke gewischt und mit Fleece abgerieben werde und sie nur mit Mühe entkommen sei. Heute habe sie vor, am Rockzipfel eines Kindes oder Stofftieres zu fliehen.

Die Hampelmänner bekommen in der Zwischenzeit ganz lustige Gesichtsausdrücke und winken zu dem Holzroller, den Schnee-kugeln und Pferden hinüber. Ist das hier eine Insel im Alltag oder was ist das hier? Die Pompons nicken im Takt der leierigen Musik, die aus einem alten Kassettenrekorder dröhnt. Hier könnten sich der Osterhase und der Nikolaus im Schnee begegnen.

Eben hat sich ein handgestricktes Mohairmützchen bereit erklärt, die beiden Fussel ins Freie zu befördern, falls sich ein Kunde oder eine Kundin fände. Die beliebten Kerzengläser aus Dänemark wackeln in ihrem Fach als ein Junge versehentlich ans Regal stößt. Der Junge hat sich den roten Plastikfeuerwehr-helm auf den Kopf gestülpt; er hört auf den ungewöhnlichen Namen eines amerikanischen Schriftstellers. Was hat der nochmal geschrieben? „Geben sie mir ihre Nummer, dann rufe ich Sie an“, sagt der Vater eines Kindes zur Verkäuferin.

Drei der Freunde des Fussels haben den Sauberkeitswahn der Geschäftsmitarbeiterin nicht überlebt. Also jetzt heißt es aktiv werden: Flucht nach vorne, „fly or die!“ Lisa Wahland singt schon ihr Schlummerlied auf der CD.- Wohnt die nicht auch hier im Viertel?

Das Mädchen nimmt eines der karierten mit Lavendel gefüllten Herzen in die Hand. Sind die nicht schön? Der Harlekin kostet acht Euro. Gratis dazu gibt es ein Gedicht auf einem bunten Zettel: "WO KEIN SINN MEHR IST, WALTET DER SINN ! WO KEIN WEG MEHR IST, IST DES WEGS BEGINN ."

Jetzt aber weg hier – um sechs wird geschlossen. Und dann kommt der Staubsauger ...!

Das Mädchen legt den Clown zurück in den Korb. Er ist ihr plötzlich unheimlich. „No way out -?“

Die beiden fassen sich ein Herz, und beim nächsten Windstoß fliegen sie über die Krabbeldecken, die zu einem Turm aufgestapelt und mit einem Schild „Sonderangebot“ versehen sind.

Die kleinen Glöckchen am am Griff der Eingangstür zittern leicht im Takt dazu.

Hat dieser skurile Traum kein Ende? Noch schnell an der Käthe-Kruse-Puppe mit dem maskenhaften Blick und der fleischfarbenen Strumpfhose vorbei. Hier riecht es arg nach Räucherstäbchen. Durst, plötzlich Durst, durch all den Staub, der hier unsichtbar vom Boden aufsteigt und die muffige Luft durchdringt.

Die Fussel stellen sich vor, sie seien ein „Royal Air Mail“, gesandt im Auftrag der Königin. Die schönen Gitter-Schutzengelchen wachen über sie und ihr Schiksal.

War das hier nicht mal ein Weingeschäft? Eine Kollegin von ihnen hatte sogar mal ein Bad in Roséwein genommen, erzählt man sich. „nimm mich mit in die Arme, Kleines!“ Straßenkinder aller Welt vereinigt euch...

„Alles Artisten hier“, meint eine schöne Frau mit einem langen Cashmereschal, die gerade flotten Schritts vorbei geht.

Die beiden heften sich an sie, an ihren gesteiften Schal: "FREEDOM, FOREVER !" Sie lassen die Karawanserei hinter sich und entwischen Richtung Pariser Platz.

War das politisches Theater? Geschichten aus 1001 Nacht? "Tschau Belezze !" - und weg sind sie.

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Monica Fritz, Minutenlicht © 2010 Alle Rechte vorbehalten.