Terrassentheater
Der kleine Ort an der Riviera dei Fiori ist wie eine große Wohnung im Freien. Die Wege sind wie Gänge, die Plätze wie Zimmer und die Kinder spielen von morgens bis abends mit den Katzen, die sonst, wie die alten Leute auf ihren Stühlen sitzend, in der Sonne vor ihren Häusern schlummern.
Unter Bögen geht man in die zwei kleinen Läden im Ort oder zu der Basilika, von wo man einen fast Rundumblick zum Meer und
zu den Küstenorten hat. Alles ist wie ein Aromaspaziergang, Ginster blüht, am Wegrand liegen abgeschnittene Nelken.
Nachts träume ich von Assistentinnen und Scriptgirls, die auf hohen Sitzen in selbstbewußter Haltung zur Überwachung da saßen.
Unser Haus hat die höchste Terrasse, direkt neben dem Kirch-turm. Die Glocken, weit ausschwingend, haben ein Gestell um sich, das wie ein BH aus Eisen aussieht. Wenn sie läuten, was sie sehr oft tun, wird man bis ins Mark erschüttert. Dann ist wieder Ruhe und der Blick geht in die endlose Weite über das türkisblaue Meer.
Von unten steigt ein Duft nach oben, vom Braten der Pfarrers-köchin, und mischt sich mit dem betörenden Geruch der Mimosen.
Auf den anderen Terrassen neben, hinter und unter uns finden regelmäßig Auf- und Abtritte, wie auf einer Bühne, statt.
Man gewöhnt sich allmählich an den Rhythmus der Nachbarn.
Im Nebenhaus ist ein junges Pärchen angekommen. Schweigend betreten sie nacheinander die Terrasse, trinken ihren Kaffee
oder sitzen tagsüber in der Sonne und lesen.
Weiter entfernt wohnen ein älterer Mann und zwei Frauen in einer Ferienwohnung. Man sieht schemenhafte Gestalten, hört Bruchstücke von Unterhaltungen... Er hat offensichtlich heute Geburtstag...
Auch abends sitzt man so lang wie möglich draußen, ißt zu Abend und träumt in die Nacht hinein.
Noch kann man lesen, Wein trinken oder arbeiten, doch bald schon fangen die Herbststürme an.