Die Autobahn der Pakete
"Wenn man fünfzig ist, morgens aufwacht und nichts spürt, ist man tot", sagte die nette, offenbar über 50-jährige Kundin zu mir. -
Auf dem Weg mit der Tram am Max-II Denkmal vorbei, sah ich kleine Mädchen von einer der Figuren herunterwinken. Ein Japaner hatte mich nach dem Pieß-Enschel gefragt?!
Der Job im ("Fuzi") Funktions, bzw. Zulieferlager in Haar war gar nicht so schlimm, wie ich mir vorgestellt hatte. Der junge Chef war sehr freundlich und eine nette junge dunkelhäutige, "Florence", zeigte mir, wie man die Etiketten auf die Waren klebt. Immer wieder klingelte mal das Telefon und jemand wurde zu "Zwölf" gerufen.
Herr Nagy ("Nasche" - niemand sprach es richtig aus) war überall und half den Neuen, wenn eine Partie fertig war, die Aliberts damit zu beladen. Die Aufschrift "MPL" bedeutete Marienplatz. Unten fuhren die Laster in die Lagerhalle hinein und holten nachmittags die Wägen ab.
Da war es schon etwas kühler und die Frau, die im 1.Stock über der Einfahrt die Strümpfe sortierte, hatte eine dicke Wolljacke an.
Vormittags kam der Brotzeitdienst mit einer großen Auswahl an Speisen. In Erinnerung ist mir das "Pain Bagnat" geblieben, eigentlich eine Spezialität aus Nizza, für eine Arbeitspause in Haar zu salzig, weil die Ölsardine in Salat gebettet zuviel Durst machte.
Florinda beschwerte sich bei mir, weil ich ihr nicht gesagt hatte, dass ich mir Essen hole. Ich dachte, alle hätten die Durchsage gehört. -
Später haben wir Aushilfskräfte uns gut verstanden. Florence und Florinda nahm ich oft im Auto mit. Das Radio lief von früh bis nachmitags.
Kylie Minoge`s:" Can`t get you out of my head…La,la,la…la,la,la,laaah", ging mir nicht mehr aus dem Kopf.-
Dann kam der Wechsel zum Marienplatz in den Weihnachtsmarkt. Vorher wurden wir nochmal von Frau Netolitzky geschult. Jede sollte ihre Nachbarin zuerst interviewen und dann allgemein kurz vorstellen. Ich konnte es kaum fassen. Antonia Butz stellte mich vor: Das ist Monica Fritz. Sie ist sehr sympathisch und hat zur Zeit ein kleines Schilddrüsenproblem... Das kann ja heiter werden!
Bis in die hintersten Ecken unserer Psyche werden wir durch-leuchtet. Jetzt nur nichts falsches sagen....
Antonia war mir ebenfalls sympathisch. Sie stammt aus der Chiemsee-Family, die diese Surfer- Klamotten herstellt. Sie hatte Surf-Stars betreut, ihren kranken Vater gepflegt, das Kind ihres Freundes aufgezogen, bis sie krank geworden war, sich getrennt hatte und nach einer Operation jetzt endlich etwas für sich tun wollte.
Eine andere der neuen Kolleginnen war Buchhalterin gewesen, hatte sich ein Pferd gekauft, das jetzt irgendwo in einem Reitstall außerhalb von München untergebracht war. Sie wollte erst noch reiten lernen. Einige waren auch selbständig gewesen - die Geschäfte liefen wegen der Konjunkturflaute zur Zeit nicht so gut - oder hatten im Betrieb ihres Mannes mitgearbeitet. " Die Künstlerin", die auch für den Verpackungsstand eingeteilt war, wie ich, stammte ebenfalls aus einer Textilfirma mit internationalem Ansehen. Sie hatte eine Pellerine und schöne Schuhe an. Auf die Frage, was ihr bei den Verkäuferinnen wichtig wäre, antwortete sie, dass sie immer sehr genau wisse, was sie wolle und dies dann mit Hilfe der Verkaufskraft im Laden schnell finden wolle. -
Zu diesem Thema mochte ich nichts sagen: z.B. dass die Verkaufs-beraterinnen angeregte Gespräche über Urlaub etc. führen, wenn man vorbeigeht.
Antonia kam später in die Papeterie und ich sah sie mit einem bunten Hippie-Umhängetäschchen durch die Abteilung eilen. (Wir durften keine Handtaschen mit zum Arbeitsplatz nehmen, nur kleine Schmink- oder Geldtäschchen). Sie war immer freundlich. Wie sie es mit den Kratzbürsten dieser Abteilung friedlich aushielt, war mir schleierhaft.
Jedenfalls war ich bald auch so eingespannt, dass ich mich nur noch um mich selber kümmern konnte, schauen musste, wie ich das durchstand.
Ich nehme an, das war auch etwas das Konzept, das zu Grunde lag, obwohl unsere "Personalinnovatorin" weiterhin sehr hilfsbereit wirkte, wenn sie auftauchte. Wenn wirklich ein Problem da war, war sie meist nicht erreichbar.
Am Anfang schnitt ich mir mit den scharfen Kanten der Bänder oft in den Finger. Die Bänder, die in allen Farben von Pastell bis Tiefschwarz, Natur oder mit lustigen Sprüchen bedruckt (Viel Vergnügen beim Fühlen, Sehen, Riechen, Hören und Genießen. Ludwig Beck - Kaufhaus der Sinne - hinter uns auf dicken Spulen wie in einem Kinderkaufladen lagerten, sahen lustig aus.
Nach einigen Tagen blieben auch meine Finger, wie durch ein Wunder, unverletzt. Es galt diese Bänder lustig aufzuzwirbeln,
zu bündeln, zu spalten oder sonst irgendwie zu stylen. Die Wünsche der Kunden gingen von schlicht bis wild. Soll teuer aussehen, Ton in Ton etc...
Das Papier auf Rollen darunter musste man zuerst nach einem bestimmten Muster schneiden und dann irgendwie passend um die Ware wickeln.
Mein erstes Paket war ein riesiger Mantel aus Kunstpelz, den Vater und Sohn gekauft hatten und ich versuchte das "Riesentrum" irgendwie in den Griff zu bekommen.
Irgendwie war man aber hinter dem L-förmigen Tresen aufgehoben, hatte einen festen Standplatz in der oft wabernden Menge und konnte unter dem Tisch etwas ablegen.
Aber das eigentliche Ärgernis war, dass man in den knapp bemessenen Pausen und bei dem ohnehin schon geringem Stunden-lohn, sich nach oben durch die vier Stockwerke des Kaufhauses durchkämpfen musste - das ging alles von der eigentlichen Pause ab - und dann meist wieder mit den gleichen Leuten, bei irgendwelchen belanglosen Gesprächen in muffiger Luft und Zigarettenduft vor den Speisen saß.
Man konnte alles als Erfahrung sehen: So leben also andere Frauen.
Antonia erzählte mir später, dass sie an dem Patent eines unsichtbaren Busenpflasters oder Klebers arbeitete, das Frauen mit größerem Busen erlaube auch ohne oder mit wenig Kleidung eine angenehme Silouette zu haben, Sie hatte diese Idee auch schon einigen Firmen vorgestellt und hoffte damit vielleicht einmal große Kasse zu machen.
Im Laufe der Zeit wurde das Verpacken der Geschenke immer mehr zur Routine. Ich wollte durchhalten um meinen Tanzkurs zu finanzieren.
Eine der Kolleginnen an meinem Stand war mir aber besonders unangenehm. Ich konnte sie kaum ertragen mit ihrer Unfreundlichkeit. Sie war Geschäftsfrau und schon zum zweiten Mal im Weihnachts-markt dabei. Auch ich hatte ja vor vielen Jahren schon einmal hier gejobbt. Aber inzwischen hatte sich einiges verändert und am Anfang war ich natürlich vorsichtig.
Jedes Mal wenn ich mich abmeldete, wie vorgeschrieben, um kurz auf die Toilette zu gehen, quittierte sie das mit einer unwirschen Bemerkung wie "dann aber schnell" und knurrte dabei wie ein Hund, wenn ihr irgendetwas nicht passte. Sie hatte offenbar im letzten Jahr schlechte Erfahrungen gemacht:
Wenn ich mir meine Arbeitszeiten notierte, fragte sie mich miss-trauisch, was ich da immer aufschreiben würde und einmal hatte ich mich, als ich zuerst da war - in die Mitte - auf den Platz gestellt, der offenbar in ihren Augen nur für sie reserviert war.
Vieles habe ich bis heute nicht verstanden. Klar war nur, dass es Intrigen und Rivalitäten zwischen einzelnen Gruppierungen gab.
Eine jüngere Kollegin, die erst später dazu kam und auch nicht so viele Tage pro Woche eingeteilt war, war wiederum sehr nett. Sie hatte ein "teures Hobby", wie sie sagte: zwei Pferde.
In den Pausen erzählte sie mir oft von ihnen, wie sie mit Bananen oder Karotten belohnt würden und dass das Ältere nicht mehr zum Reiten da wäre. Sie hatte neben ihren Eltern in Starnberg ein Haus gebaut und dieser Hausbau hätte sie voll und ganz auch beruflich in Beschlag genommen. (Sie war von Beruf Bauingenieurin). Leider hatte sie im Lauf der Weihnachtszeit immer wieder Rückenprobleme und kam nicht mehr so oft.
Wir hatten aber einige Stunden schon vorher miteinander getauscht, so dass ich nicht mehr so oft mit meiner Wider-sacherin zusammenkam.
Dann waren da noch zwei Freundinnen, die meist zusammen arbeiteten und die den Job schon sehr lange machten. Mit der einen kam ich recht gut zurecht und tanzte später sogar Rock and Roll auf der Weihnachtsfeier. Die andere versuchte mich immer gegen ihre Gegenspielerin auszuspielen. Ich versuchte aber tapfer immer bei der Wahrheit zu bleiben, was mir keine Sympathie, zumindest bei den Intrigantinnen einbrachte. Später bezeichnete Sabine (die Künstlerin) diese beiden feindlichen Lager als die "Platzhirschinnen", weil sie immer um den mittleren Platz beim Verpacken kämpften.
Am Samstag dauerte der Job nicht so lange und es war immer sehr lustig. Es kamen jüngere Kolleginnen, die froh waren sich etwas Geld zu verdienen.
Manchmal wurden wir von der Geschäftsleitung mit Pralinen oder Mineralwasser in der Millenniumsflasche, die wie ein Wassertropfen geformt war, belohnt.
Man war froh wieder eine Woche geschafft zu haben. "Das Fest" rückte immer näher. Es wurde immer hektischer.
In Mitten des Strudels wurde man aber innerlich immer ruhiger, ja es machte manchmal sogar Spaß. Das Geschenk zu verpacken ging immer leichter, wie im Schlaf von der Hand. Die Kreationen wurden immer gewagter, frecher, alle Farben miteinander kombiniert.
Rot und Blau ist am Kasperl sei Frau. Lila und Gelb. "Pink und Orange - er wird dir einen Heiratsantrag machen", war Sabines Kommentar, als ich für einen der älteren Geschäftsführer eine wertvolle Ledertasche verpackt hatte, die natürlich von einer der Mitarbeiterinnen vorbeigebracht und in Auftrag gegeben worden war.
Trinkgelder kamen von solchen Leuten nie - dafür reichlich von ganz normalen Leuten: der alten Oma, oder dem Schauspieler, der vormittags in aller Ruhe ein Büchlein in rotes Leder gebunden eingekauft hatte.
Ja es kamen auch Menschen vorbei, die man förmlich wegen ihrer Ausstrahlung oder Freundlichkeit bewunderte, wie die bekannte Moderatorin mit ihrer schönen, tiefen Stimme, die völlig unarrogant auftrat. Sie schienen ein angenehmes Leben, Erfolg und Zeit in unbegrenzter Menge zu besitzen.
Die Cashmerepullis, CDs, Wäschesets, Taschentücher mit Monogramm, Rollen mit Schrankpapier nach Maiglöckchen duftend, teuren Meeralgen-Crèmes verschwanden alle in bunten oder naturfarbenen, gestreiften, mit Engelbären geschmückten Papieren und kontrastierenden oder bewusst Ton in Ton gewählten, zu Schmetterlingsflügeln aufgezwirbelten Bändchen dazu. Manche Päckchen wurden noch mit gefalteten Papierapplikationen versehen.
Dies oder Jenes wurde zur Wahl eines Geschenks erklärt:
z.B. Dieses Parfum ist mit natürlichen Patchouly- Essenzen hergestellt - oder mit kleinen Geschichten untermalt.
Immer mehr sollte sich der Kernsatz, das Motto herauskristallisieren, das der Geschäftsführer bei seiner Weihnachtsrede in der Muffathalle ans Ende gestellt hatte: " Es gibt nichts Gutes außer man macht es "!
Der Hauptgewinn, der durch Los ermittelt wurde, war übrigens ein Wellness - Wochenende für Zwei in - Raten Sie mal ?
Wo ? in Bad Gögging gewesen. Eine superschlanke etwa 20-Jährige Dunkelhäutige stürmte auf die Bühne um ihren Preis entgegenzunehmen: Großer Applaus und Gelächter ! Manche hätte es wohl nötiger gehabt.
Auch unter den Kunden kamen viele und brachten nebenbei ihre Krankheitsgeschichten an. Eine sympathische Frau mittleren Alters erzählte mir, dass sie ihre Hand nicht mehr bewegen könne. Nach der Operation des Captaltunnelsyndroms war die Hand nicht mehr voll beweglich geworden. Die OP sei aber gar nicht so schlecht gemacht worden. Ich fragte sie, was sie jetzt unternehme, ob sie Krankengymnastik treibe ? Ja, sagte sie und es gäbe ja auch noch andere Dinge im Leben, schön Essen, genießen etc. -
Man konnte den Weg der schön eingepackten Geschenke ja nicht mitverfolgen: Wie sie auf dem Gabentisch landeten oder mitgebracht wurden, die Verpackung aufgerissen, vielleicht bestaunt und dann das eigentliche Geschenk entgegen -
Meine eigenen Geschenke: Badeschaum mit Kügelchen von weißer Schokolade, die Flasche verziert mit "Wildelife-Muster" und Affenköpfen dazu kleine Aufzieh-Figürchen blieben trotz witziger Verpackung ziemlich unbeachtet.. Ich glaube ich war die einzige, die darin badete. -
Ich hatte mich wohl von der Weihnachtsverkaufseuphorie anstecken lassen und war auf den Leim gegangen.
Später, ja noch drei Monate später tat mir mein rechter Ellenbogen weh, vom Abrollen des Klebebandes. In Japan, da werden Geschenke schön verpackt, ganz ohne Tesafilm - erzählte ein Mann.
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