M   O   N   I   C   A        F   R   I   T   Z           ·            M    i    n    u    t    e    n    l    i    c    h    t

MINUTENLICHT
Inhaltsverzeichnis

01 Colombine (Kurzfilm)
02 Maronenpfanne
03 Terrassentheater
04 Die Hunde von Pompeji
05 Fit-Ness
06 Die Autobahn der Pakete
07 Kitz-Gefühl
08 Musenpaare
09 Cinema dans la rue
10 Die Magersucht des Sprechens
11 Krabbeldecken muß man fliehen
12 Sixty
13 Ab jetzt werden Sie immer dicker
14 Acqua Santa



Biographie
Impressum





Copyright © by Monica Fritz

Musenpaare
(St. Tropez)

Prolog:
“Hier hat also Bonnard im Licht der Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge die farbigen Schatten gemalt... Irgendwo in diesem dichten Eichenwald liegt die Villa, wo der Film “Swimmingpool” mit Romy Schneider und Alain Delon gedreht wurde.”

Sie fahren mit ihrem Auto die Kurven hinunter zu L´Escalet. Es ist brütend heiß, und nach zwanzig Minuten Gehweg werden sie endlich ihre Badetücher ausbreiten und sich ins Meer stürzen...

Drehbuchentwurf für einen Episodenfilm

Endlich sind sie da. Jeder richtet seine Sachen, plaziert sein Badetuch und bereitet sich mehr oder weniger auf den Klimawechsel vor. Die beiden Jungen sind wild und voller Energie. Sie sind auch als Erste im Wasser.

Sie träumt vor sich hin:
Erinnerungen an längst vergangene Arbeitstage...
Einmal erzählte ihr jemand, daß ein “Scriptgirl” gekündigt wurde, weil sie ihre Tasche an die Stelle hingestellt hatte, wo der Kameramann sein Stativ aufstellen wollte und sie sich weigerte, diese wegzunehmen.

Sie träumt von vielen merkwürdigen Situationen beim Drehen und ist fast dabei einzuschlafen. Da faßt sie den Entschluß, aufzuspringen und sich ins Meer zu stürzen.

Das Wasser auf der Haut, die Farben und die schwappenden Wellen nehmen alles Alte, Vergangene mit sich fort. Sie taucht etwas, beobachtet die Jungen, wie sie toben und ihren Spaß miteinander haben. Gereinigt taucht sie wieder aus den Wellen auf und geht langsam, über die Steine balancierend, zurück zum Platz.

Nächster Tag. Morgen.
Der Maler malt, von Farben und Landschaft inspiriert. Die Filmemacherin arbeitet an Drehbuchentwürfen. Ab und zu malt und zeichnet sie auch.

Sie hat “SEHEN” zu ihrer Profession gemacht.

Die Jungen haben ihre “Playstation” mitgebracht und sitzen auch in den Ferien, trotz Sonne und wunderschöner Landschaft oft bei zugezogenen Vorhängen vor ihren Video-Games.

Manchmal fährt sie zum Einkaufen in das nahegelegene St.Tropez. Wenn sie das Autoradio anmacht, hört sie meist einen der Songs dieses Sommers, z.B. Eagle-Eye Cherry: “Falling in Love again”.

Einer der folgenden Tage. Morgens.
Frühstück. Es gibt wie immer frisches Baguette, Milchkaffee, kakao, marmelade, Tomaten und manchmal auch kaltes Hühnchen oder Ähnliches, wie heute und frisches Obst.

Sie decken den Tisch vor dem Ferienhaus, morgens vorne, wegen dem Sonnenstand, stellen Sonnenschirme auf. Einer ist schon vorher zum Bäcker gegangen, um frisches Baguette, manchmal auch knusprige Croissants, zu holen. Es wird gegessen; meistens ist alles in fünf Minuten vorbei, und die Kinder springen auf um zu spielen.

Die Eltern bleiben noch etwas länger sitzen, unterhalten sich und geniessen die Sonne.

Heute faßt sie den Plan, nach dem Frühstück ins Dorf zu gehen. Sie geht ins Haus hoch, zieht sich schnell etwas über den Badeanzug und geht dann los.

Es ist “ELLE”-Tag, d.h. die neue ELLE francais ist angekommen... Sie kauft sie sich und schlendert dann noch ein bißchen durch La Croix-Valmer- schaut sichbdie Schaufenster der Boutiquen an, kauft etwas Obst und Gemüse und geht dann, Schweiß gebadet, wieder zurück. Als sie beim Haus ankommt und die Treppen zur Terrasse hochgeht, sieht sie mit Entsetzen, daß alle in ihre Zimmer hochgegangen sind, ohne den Tisch abzuräumen.

Ein Meer aus schwarzen, winzigen Ameisen hat die Tischplatte überzogen. Sie kommen von überall her. Nach dem ersten Schrecken ist alles schnell beseitigt, und sie gewöhnen sich nach und nach an die Ameisen, die hier einfach dazu gehören.- Nur, man muß alles immer sofort wegräumen, bis zum letzten Krümel, sonst gibt´s böse Überraschungen.

Abends sitzt man meist auf dem oberen Balkon und blickt auf die rosafarbene Landschaft. Dazu passend trinken sie Roséwein. Später sinken sie auf ihre Betten, auch nachts der Blick über die Bucht und bis zum Meer. Die Sterne sind ganz klar, und man sieht das Kreuz am Himmel, das diesem Ort seinen Namen gegeben hat: La Croix-Valmer...

Erholungsphasen wechseln mit konzentrierten Momenten kreativer Beschäftigung.

Heute denkt sie sich einen Film für´s Jagd- und Fischereimuseum aus, das ihr Bruder leitet. Es gehört zu den “Schauspielerprojekten” mit befreundeten SchauspielerInnen:
Die Protagonistin wird von Veronica Faber verkörpert.
Es ist eine neue Rotkäppchenadaption, bei der am Ende ein Wolfspräparat zum Einsatz kommt.

Die “Faber” soll zart und rein spielen, im Gegensatz zu ihren sonstigen Rollen als “wilde” Frau.

Die Geschichte ist ganz schnell erzählt.
Rotkäppchen ist hier eine Hausfrau, die morgens, wenn die Familie bei der Arbeit und in der Schule ist, los geht und Verschiedenes einkauft.
Sie geht in die Stadt, zum Markt, und ist dann mit verschiedenen “Verführungen” konfrontiert. Sie beobachtet z.B. eine Korbflechterin bei Beck und kauft einen Korb. Sie probiert Klamotten, kauft ein getupftes kleines Tüchlein, Später Pralinen im “ersten” Pralinengeschäft der Stadt... usw., am Schluß landet sie im Museum, bei dem bösen Wolf - aber mittags ist sie wieder pünktlich zu Hause, um zu kochen und die Kinder zu empfangen.

Sie beschäftigt sich in der Stille und der Abgeschiedenheit sehr viel mit ihren Phantasieprojekten und wünscht sich, sie irgendwann verwirklichen zu können.

An den Nachmittagen, wenn es im Haus und Garten zu heiß wird, bevölkern sie eine der zahlreichen, sehr unterschiedlichen Strände der Halbinsel “Presque´ile de Saint Tropez”.

Die Jungen wandern anfangs mit. Später bleiben sie auch oft in der Feriensiedlung und gehen nur zum Pool oder zum Tennisplatz.

Während ihres Austauschstipendiums in Holland ist sie tagelang nur durch die Straßen der Stadt gelaufen und hat sich alles angeschaut. Sie kam sich vor wie ein Schmetterling, der die Freiheit hat, überall herumzuflattern.

All diese Bausteine verdichten sich jetzt zu einem kompakten Alltagsleben in der Stadt oder hier in den Ferien, die eigentlich eine Komprimierung aller Erfahrungen sind und so den Grund für neue Lebensphasen bilden.

Im Traum, kurz vor Ostern, war ich im Flugzeug bzw. in einer kleinen Propellermaschine. Es rüttelte und schüttelte. Ängstlich, aber glücklich landete ich in der Nähe eines Strandes. Rücken an Rücken, Seite an Seite aneinandergelehnt. In der Provence gibt es wunderbare Plein-Air-Geschäfte - so eine Art Obst- und Gemüsemarkt im Freien.

Es gibt aber auch Tonvasen bis zur Größe eines Lastwagens, Öl, Oliven, Blumen, Kacheln, Korbwaren, Pasten, Wein...

In Mitten der Landschaft ist alles mehr oder weniger aufgebaut oder hindrapiert, oft wie beiläufig aufgestellt, hingelehnt oder liegen gelassen, z.B. verrostete Eisenmöbel, an denen man gerne Platz nehmen möchte, die einen lauschigen, ruhigen Platz suggerieren, ein Paradies auf Erden, ein Garten Eden.

Nachts schläft man himmlisch. Heimlich kommen die Gärtner und sprengen den Garten, was ein erfrischendes Gefühl in der Luft hinterläßt.

Ein halbes Jahr später.
Wieder nach Südfrankreich in die Ferienvilla, das “Mas Provencal”. Diesmal mit Hindernissen bei der Abfahrt. Bei Garmisch ist die Autobahn und, wie sich herausstellt, auch alle möglichen anderen Wege in Richtung Alpenpässe überschwemmt oder gesperrt. Wenige Zeit später ist Garmisch nicht mehr erreichbar, und es kommt auch niemand von dort heraus.

Sie sagt zu ihm: “Nach Hause - es hat keinen Sinn!”

Sie fahren bis fast zurück nach München und dann in Richtung Brenner. Es gibt Staus; aber sie schaffen es bis abends halb 10 Uhr in La Croix-Valmer zu sein, tragen ihr Gepäck hineien und gehen in die Pizzeria “Patio” essen.

Die warme, weiche Luft hat sie wieder.

Wie kommt es, daß man beim Anblick von Kunstwerken so völlig glücklich sein kann? Die gleiche Intensität, das gleiche Gefühl kann aber auch ein Gesicht oder eine Landschaft auslösen.

Die “Kinder” erkunden ihr Gebiet mit Tennisplätzen und Pool, das sie vom letzten Jahr kennen. Der Pool wird gerade eingelassen und gereinigt, ist aber noch geschlossen. Später werden sie erfahren, daß alles erst ab 1. Juni so richtig eröffnet wird.

Nachdem sie sich etwas an die neue Situation gewöhnt haben, Garten und Terrasse ausprobiert haben, sagt Adrian: “Wollen wir nicht zum Meer gehen?” Sie beschließen nach Cavalaire, an den Felsenstrand mit der kleinen Sandbucht (Le bon porteau), zu fahren. Es sind schon einige Touristen da. Der Strandkiosk scheint aber erst so allmählich seinen Betrieb aufzunehmen. Ein Frigébic (Magnum) kostet 30 Francs. Ich frage, ob es Toiletten gäbe? Jemand übersetzt für mich sofort in Französisch, und der Schlüssel wird ´rübergereicht. -

Das Meer ist erfrischend kühl und angenehm auf der Haut.
Das erste Eintauchen ist wie Taufe. Sie liegen in der Sonne. Alle vier Handtücher nebeneinander und bleiben nicht lange, um keinen Sonnenbrand zu bekommen.

Der Strand funkelt. Die Steine irisieren, und mache sehen aus wie Schmuckstücke, Grundfarbe: beige, rosé und gold.

Eine Besonderheit sind die Marchés Provencales, bäuerliche Märkte, die jeden Tag in einem anderen Ort sind: sonntags in La Croix-Valmer, mittwochs in Cogolin, donnertags in Ramatuelle, dienstags und samstags in St. Tropez.

David geht mit mir das erste Mal einkaufen. Wir fahren in den Gemüsemarkt 2 km vor La Croix-Valmer. Er entdeckt dort schöne Seifenwürfel aus Olivenöl. Wir kaufen Kirschen im Angebot (Temps des cerises). Ein kleiner schwarzer Hase sitzt in einem abgezäunten Stückchen, neben Blumentöpfen, Obst und Gemüse.
Aus der Riesenauswahl Olivenvorspeisen suchen sie eine besonders appetittlich aussehende aus. Es gibt auch dunkles Nuß- und Olivenbrot, das sie mitnehmen.

Auf dem Weg blühen Mohnblumen. Frühling: Zeit des Neubeginns, der Hoffnungen und Wünsche. Das nächste Mal, als sie mit ihm zum Einkaufen geht, wird ihnen Roséwein aus der Gegend zum Probieren angeboten. Sie kaufen Gemüse und Olivenöl. Auf einem Zeitungsausschnitt steht: “Löwe entlaufen bei den marokkanischen Brüdern... 2 km, im Gemüsehandel vor La Croix-Valmer. Finderlohn.

Auf ihrer Wanderung an einem der nächsten Tage in der Abenddämmerung, beginnend bei Le Gigaro, den “Sentiers littoral” entlang, Richtung Cap Lardier, müssen sie öfters an den Löwen denken; aber es begegnen ihnen nur Wanderer und Jogger, drahtige Jungs und fitte Frauen.

Beim Tennisspielen kommt der Charakter des einzelnen Spielers hervor. Nach einigen Matches geht es nun darum, wer immer Sieger ist und wer immer Verlierer; auf dem rechteckigen Platz gibt es aber auch jede Menge Spaß und, vorallem bei den Anfängern, viel zu Lachen!

Zwischen Sport, Lesen und baden müssen schnell kleine, sättigende Mahlzeiten bereitet werden, z.B. Kichererbsen-salate, Ratatuille, belegte Baguettes, Nudeln mit Pesto.

Einkaufen im Ort richtet sich nach den anderen Öffnungszeiten; auf den Streifzügen läßt sie sich von ihren Eindrücken inspirieren. Menschen, Boutiquen und Straßenecken werden zu Szenerien für vorgestellte Filme.

In der städtischen Bibliothek, untergebracht im Neubau “Odyssee 2000”, die auch für Touris benutzbar ist, sieht sie nette, ältere Damen vor ihren Karteikarten sitzen. Sie fragt sich, ob sie vielleicht auch mal in so einer Bücherstube sitzen wird, wenn ihre Drehbücher keiner haben will.
Zurück im Garten, liest ER oder arbeitet an seinen Aquarellen. Oder, ER wird der Fachmann für´s Licht sein und SIE für die Formen.

Im Traum hieß es eine Deutschschulaufgabe zu schreiben. Eine Streberin aus ihrer früheren Klasse gab bereitwillig Ratschläge. Sie fragte ihn, der auch dabei war, ob er sich schon Gedanken über den Stil gemacht hätte. Er antwortete auf seine typische Art: “Nein, dazu sei er noch nicht gekommen.” ...oder sie träumte, daß ihr eine andere Frau ein Projekt weggenommen hätte, und das war dann schon die Dramatisierung des Stoffes.

Auf dem Markt wurden sie als ausländisches Paar angesprochen. Vielleicht hatten sie ja eines dieser Ferienhäuser einzu-richten. Er machte einmal im Vorbeigehen eine Bemerkung über einen ausgestellten, seidigen, beige-blauen Teppich, was der Händler sofort bemerkte und sie nun mit einer Tirade von Ausführungen, Meinungen und Allgemeinplätzen in Französisch übergoß, so daß sie nicht mehr weggehen konnten und sie in Gedanken schon die 5000 Francs bezahlten, nur um ihn loszuwerden. Es ist wahr, daß Dingen angeboten werden, die man schon aufgegeben hatte zu suchen, oder die man nie gesucht hat., z.B. Kettchen, die wahlweise als Haarband oder am Fuß zu tragen sind. Backformen in allen Farben und Größen von über-zeugender Schlichtheit, Betten, mit Rabatt bei sofortiger Bezahlung, Fische, Obst, Gemüse, Kleidung aus Stoffen, die wie Papier aussehen, Korbwaren, Blumen, Pasten und Tapenaden, Brot etc.

An manchen Tagen sieht man entzückende, kleine Französinnen jeden Alters, Kleidergröße 34, die mit allem Neuen dekoriert sind. Die Französinnen haben einen besseren Ruf, als sie sind, heißt es.

Die neueste Schmincktechnik ist ein all-over-beige, mit fünf Klecksen 3-D Rouge und Wimperntusche. Vor allem in St. Trop´ gibt es Straßen, wo die süßesten Boutiquen neben-einander aufgereiht sind: jede wie eine farbige Schmuck-schatulle mit paßend dazu gekleideten Verkäufern und Verkäuferinnen. Dazwischen alte bröckelnde Häuser mit einem Meer von blassen Hortensien umgeben. Das Gold in den Auslagen von Cartier ist nicht so kostbar wie diese seltsame Patina an Häusern und Menschen.

Das Einkaufen macht immer wieder ein besonderes Vergnügen; allein schon die Fahrt dahin. Einmal wird der Straßenbelag neu gemacht, weil am nächsten Tag irgendein wichtiges Etappenauto-rennen ist; mal findet man die Einfahrt zum Rieseneinkaufs-Center “Géant La Foux” nicht und wird durch den halben Lunapark, vorbei an McDonald geleitet. Bei der Ankunft landet man dann schon mal in einer “Boxe” neben einem Rolls-Royce. Aber leider kaufen heute nur die Angestellten ein. Es gibt ein Superangebot für zwei CD´s zum gleichen Preis von einer, auf das man hereinfällt. An der Kasse muß man allerdings zwei bezahlen, weil man zwei verschiedene ausgesucht hat. Auf dem Kassenzettel steht der Name der Kassiererin: Monique F. .

Anschießend genießt man die Paellia mit Fisch und beruhigt sich wieder, weil man doch etwas Ungewöhnliches, frisch ergattert hat.

Eine Zeitlang will dann niemand mehr einkaufen. Auch der Preisvorteil des eiskalten Hypermarchés läßt einen kalt. Man holt nur das Nötigste, verschwitzt aus dem kleinen Laden an der Ecke in La Croix-Valmer, oder ernährt sich von Dosen.

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Monica Fritz, Minutenlicht © 2010 Alle Rechte vorbehalten.